„Lovemobil“ und die deutsche Faszination für Fälschungen

Ein Kommentar von Richard W. Schaber

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Aus der gefälschten Dokumentation
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Elke Margarete Lehrenkrauss hat mit ihrer Fake-Doku dem Dokumentarfilm eine Art Relotius-Skandal beschert. Vor dem Bekanntwerden des Betrugs überhäufte man die Scripted Reality-Nummer „Lovemobil“ jedoch mit Preisen, statt die dreiste Fälschung als solche zu erkennen. Wie kann das sein?

Vielen ging es nach der Skandal-Enthüllung von „STRG_F“ ähnlich: Man hatte die gefälschte Prostitutions-Doku „Lovemobil“ von Elke Margarete Lehrenkrauss nicht gesehen und warf erst nach großem Medienecho und der hastigen Distanzierung des NDR erste Blicke auf die im Netz verbliebenen Schnipsel des Machwerks. Und nach wenigen Szenen war auch jedem halbwegs aufgeweckten Achtklässler aus der Youtube-Kommentarspalte bewusst, dass es sich bei dem Material nicht um authentische Aufnahmen handeln kann, weil echte Szenen halt nunmal so weder aussehen noch klingen. In den meisten Fällen sind altkluge Urteile ob der Offensichtlichkeit einer Fälschung im Rückblick ziemlich redundant – bei der von Journalisten wie Jurys hochgejubelten Fake-Doku „Lovemobil“ kommt man jedoch nicht umhin, den Finger nochmals in die Wunde zu legen.

Fälscher allein sind nicht das Problem

Und das nicht in erster Linie, um die Fälscherin Lehrenkrauss zu verurteilen – die Dame hat bereits vor ihrer halbherzigen Entschuldigung genug Aufmerksamkeit bekommen und ist ähnlich dem enttarnten „Spiegel“-Lügenbaron Claas Relotius wohl auf alle Tage gebrandmarkt. Sollte Lehrenkrauss in Zukunft nochmal über Interviews stolpern, in denen sie mit stolz geschwellter Brust ihre einzigartig-lebensnahe Doku bejubelt, drehen sich der Guten die Innereien vor Scham garantiert auch noch eine weitere Runde gegen den Uhrzeigersinn. Nun hilft aber der mediale Wirbel um die Personalie Lehrenkrauss voraussichtlich nicht, das tieferliegende Problem zu umreißen.

Man muss sich indes am dringendsten mit dem Deja-Vu eines preisgekrönten Fakes beschäftigen und dem dazugehörigen Wiedergänger der ach-so-unschuldigen Betroffenheit beteiligter medialer Institutionen: Das unverfrorene Kindchenschema, hinter dem sich damals schon der „Spiegel“ angesichts der Relotius-Fälschungen versteckte. Dass im Falle des in der Produktion von „Lovemobil“ involvierten NDR auch hauseigene Journalisten der Betrügerin auf die Spur kamen, tröstet eigentlich kaum darüber hinweg, dass man Lehrenkrauss‘ Scharade schon deutlich früher hätte erkennen müssen.

Realität passt nicht ins Bild

Wie können Medienprofis einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt und die Jurys renommierter Film- und Kulturpreise auf eine so offensichtliche Fälschung hereinfallen? Ist cineastisch mühevoll inszenierte Scripted Reality etwa nur schwer von unverfälschten dokumentarischen Abbildungen der Realität zu unterscheiden? Die ernüchternde Antwort lautet: Eigentlich nicht. Böse Zungen könnten nun behaupten, dass die Thematik und Umsetzung von Lehrenkrauss‘ voyeuristischem Kabinettstückchen einfach zu attraktiv waren, um genauer hinzusehen.

Der Seelen-Striptease und das Elend von Menschen in einem geächteten Beruf am Rande der Gesellschaft lässt wie im Fall von „Lovemobil“ evidenter Weise die vergnügungssüchtigen Herzen von Publikum und Kritikern höher schlagen. Und das filmische Sensatiönchen als konstruiertes Amalgam ist nunmal peppiger als jede Realität. Die kühne Behauptung der Filmemacherin, der sonst für brave Bildungsbürger unsichtbaren Halbwelt der Prostitution ein paar schaurig-schöne Bilder abgerungen zu haben, wird dann an allen Schaltstellen gierig durchgewinkt. Damit das Publikum sich daran weiden und es endlich Preise regnen kann.

Auch das gebildete Publikum will Pulp Fiction

Schließlich haben die schier uneingeschränkten Möglichkeiten der Scripted Reality auch für die vornehmlich gebildetere Zielgruppe viel zu bieten – nur ist das Beglotzen fader Hartz-4-Existenzen in den inszenierten „Sozialreportagen“ im Privatfernsehen dem akademischen Filmfestival-Publikum zu profan. So ist es geradezu putzig, dass ein nach eigenem Dafürhalten aufgeklärteres Publikum ebenfalls seinen voyeuristischen Instinkten sofort erliegt, sobald jemand das richtige Betroffenheits-Thema in schauriges Rotlicht rückt und mit hüftsteifen Skandal-Dialogen garniert.

Ob derartig fingierte Räuberpistolen im Metier der Reportage und Dokumentationen nach der Bloßstellung von Fälschern wie Relotius und Lehrenkrauss nun seltener werden? Wohl erst, wenn man aufhört, Medienschaffende mit Lob und Preis zu überhäufen, die dem Publikum die sensationstriefenden Häppchen mundgerecht zuwerfen. So erfand und inszenierte die Filmemacherin Lehrenkrauss für „Lovemobil“ wohl auch den Mord an einer Prostituierten, um ihrer Schock-Doku mehr Durchschlagskraft zu verleihen. Wenn die Nachfrage für derlei fiktionale Designprodukte bestehen bleibt, muss sich niemand mehr allzu unschuldig wundern, wenn die Akteure im entsprechenden Feld genau das liefern, was man eigentlich – natürlich niemals so ganz offiziell – von ihnen will: Unterhaltsame Phantasieprodukte mit einem Mindestmaß an Realitätsbezug.

Bildquelle:

  • lovemobil: SWR/ Christoph Rohrscheidt

3 Kommentare im Forum

  1. Das Problem nicht nur bei den Öffis, sondern bei allen Medien ist wohl eher, dass man ein bestimmtes Bild erzeugen will um die Meinungen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und um dieses Ziel zu erreichen ist den Medien jedes Mittel recht und deshalb darf es keine Zweifel geben denn alles was das gewünschte Bild bestätigt kann nur wahr sein. Und wenn eventuell doch jemand versucht an dem aufgebauten Bild zu kratzen wird mit jeglichen Mitteln auf diese Person geschossen um sie zu zerstören und damit zum Schweigen zu bringen. Schon deshalb wird jeder der auch nur die geringsten Zweifel hat lieber schweigen als sein Leben zerstören lassen. Der einzige Grund eine Solche Sache aufzudecken ist, wenn sich andeutet das die ganze Sache ans Licht zu kommen Droht dann wird versucht sich als Betrogenen und ach so guten Aufklärer hin zu stellen um sein Gesicht zu wahren. Das alles wird nicht aufhören solange Medien versuchen ihre eine Meinung als einzig Richtige zu verbreiten.
  2. Die Regisseurin ist doch jetzt voll im Arsch,die wird nie wieder Aufträge bekommen,wie kann man denn seine ganze Karriere in den Wind schießen
  3. Das zeigt halt gut, was Medienpreise wert sind - nämlich nichts. Letztendlich sind diese ganzen Preisverleihungen auch nur eine Selbstbeweihräucherung der jeweiligen Branche.
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