Liebes Fernsehen, bitte verzaubere mich wieder!

23.02.2016, 08:21 Uhr, Eine Kolumne von Florian Hellmuth

Wie steht es um das deutsche Fernsehen? Unser Kolumnist findet nur noch wenige Formate, die ihn wirklich ansprechen. Es zieht ihn immer mehr zu alternativen Angeboten.


Hach, dieses Fernsehen. Es hat so ein bisschen was von einer zerrütteten Ehe. Es passt nicht mehr so. Ich bin nicht mehr richtig glücklich. An Scheidung denke ich trotzdem nicht. Und doch müssen wir wieder mehr zueinander finden. Es muss etwas Neues von deiner Seite kommen.
 
Es gab Zeiten, da verzauberte mich das Fernsehen noch. Mit einem hohen Maß an Kreativität, vielen Facetten und großen Shows, die man nicht verpassen durfte. Immer weniger gibt es davon. Immer weniger Gründe, das lineare Fernsehen einzuschalten und zu konsumieren. Selbst zappen tue ich fast gar nicht mehr. Mir fehlen die Überraschungen.


Vor allem in den vergangenen Monaten ertappe ich mich immer mehr, nur noch einige wenige Sendungen und Shows zu verfolgen. Darunter fällt die "heute-Show", sowie die Polit-Talkshows bei den Öffentlich-Rechtlichen. Danach wird es schon eng, zumindest was die regelmäßige Konsumierung angeht.
 
Das Highlight bei den privaten Sendern war für mich noch der Dschungel. Weil ich ihn einfach unterhaltsam und perfekt produziert finde. Eines der letzten Formate, die noch ein gewisses Standing im deutschen TV haben. "Schlag den Raab" ist weg, ob "Schlag den Star" diese Lücke schließen kann, müssen wir abwarten. Große Samstagabendshows, die wirklich eine Masse erreichen, vielleicht auch zum Diskutieren anregen, werden immer seltener. Ich vermisse die Abende mit "Wetten, dass..?" – das war auch unter Lanz im Gegensatz zu anderen Formaten ein großer Spaß.
 
Formate wie die "Die versteckte Kamera" oder Joko & Klaas" gehen komplett an mir vorbei. Von Florian Silbereisen will ich gar nicht erst anfangen. Auch "Deutschland sucht den Superstar" oder "Germanys next Topmodel" sind vielleicht für eine gewisse Zielgruppe perfekt, für mich vollkommen uninteressant. RTL hat mit "Die 2" eine Show im Programm, die ich im Grunde fast schon positiv hervorheben möchte und die trotzdem meist an mir vorbeigegangen ist.
 
Positiv sind mir zuletzt das Medienmagazin "ZAPP" sowie "Kuttner plus Zwei" bei ZDFneo aufgefallen. Wobei ich eines von beiden auch nur über die Mediathek geschaut habe. Es gibt sie also noch, die versteckten Highlights. Mir fällt trotzdem auf, dass diese extrem in den Serienbereich abdriften, der immer mehr im Pay-TV sowie bei VoD-Anbietern zu finden ist.
 
Auch aktuell sind es vor allem Serien, die ich im TV aufzeichne und dann relive schaue. Momentan vor allem "Law & Order" und "Criminal Intent" auf dem Universal Channel, also auch im Pay-TV. Zudem eher klassische Filme auf vielen der Drittsender sowie bei Sky Cinema.
 
Der Sport ist für mich noch eines der Zugpferde für das lineare TV. Am Wochenende habe ich Felix Sturm gesehen, sowie Sport bei den ÖR und Sky. Ohne den Sport, wäre der Anteil an Live-TV bei mir wohl bei 0,5 Prozent von allem, was ich regelmäßig konsumiere.
 
Nun stelle ich mir die Frage, ob sich das Sehverhalten generell verändert hat oder es kaum noch Inhalte für meine Zielgruppe gibt? Fakt ist: Es gibt nur noch wenige Formate und Shows, die ich regelmäßig gucke.
 
Den Sendern fehlen die Innovationen, viel mehr werden Formate aus den USA kopiert oder die zehntausendste Casting-Show wiederholt. Auch Scripted Reality ist weiterhin ein Thema, das für die Sender zwar billig zu produzieren und dabei noch recht erfolgreich ist, aber mich immer weiter vom Fernsehen wegscheucht. Auch ewige Sendestrecken mit US-Comedyserien finde ich einfallslos.
 
Vereinzelt gab es positive Beispiele im vergangenen Jahr die zeigen: Es geht doch. Da wäre der "Club der roten Bänder" bei Vox oder auch "Weinberg" bei TNT Serie. Hier haben die Sender Mut bewiesen, investiert und etwas ausprobiert. Die Zuschauer haben es mit viel Lob sowie bei #CdrB auch mit tollen Quoten honoriert.
 
Ich vermisse aber auch bei anderen Programmfarben den Mut und Innovationen. Kaum ein Sender weiß zu überraschen, kupfert lieber beim anderen ab oder startet Fortsetzungen zu Formaten, die einigermaßen funktioniert haben. Aber wo sind die komplett neuen Dinge, die auch mal überraschen? Das Fernsehen ist absolut vorhersehbar geworden - und da liegt das Problem. Die Abnutzungserscheinungen sind so hoch wie nie zuvor.Wenn sich in den nächsten Jahren nichts ändert, muss man sich die Frage stellen, ob nicht immer mehr Leute abspringen und vermehrt auf VoD-Angebote oder das Pay-TV umsteigen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Die Zahlen von Sky steigen stetig, auch Anbieter wieder Netflix und Amazon bekommen mehr Zulauf.
 
Ich mag das Fernsehen und hoffe, irgendwann wieder vermehrt darauf zugreifen zu wollen. Es liegt an den Sendern, wieder kreativ zu sein und mich zu verzaubern. Momentan hat man mich leider zu großen Teilen an die Konkurrenz verloren.

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