Filmkritik: „Undine“ ist ein großartiger Start in die Kino-Saison

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Ende dieser Woche werden die meisten Kinos in Deutschland ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen haben. Der erste große Neustart für die Programmkinos wird am Donnerstag Christian Petzolds neuer Film „Undine“. Die preisgekrönte Romanze ist ein starker Auftakt für den Kino-Sommer!

„Tenet“, „Mulan“, „Berlin Alexanderplatz“, „Undine“ – die Liste der Filme wächst, in die die deutsche Kinolandschaft gerade all ihre Hoffnungen setzt. Zahlreiche Kinos haben bereits in den letzten Wochen ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen, die Häuser der AG Gilde Kino ziehen weitgehend am 2. Juli nach, unter anderem auch am wichtigen Kinostandort Berlin. Nun ist es tatsächlich soweit und der erste große Hoffnungsträger „Undine“ kann flächendeckend anlaufen. Bislang musste der Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale um mehrere Monate verschoben werden. Ob der Aufschwung wirklich kommt, das steht natürlich in den Sternen. Ebenso die Tatsache, ob ausgerechnet ein so kleines und intimes Romantik-Märchen zum Publikumsmagneten avancieren kann. Nun, zu wünschen wäre es Christian Petzolds neuestem Film! Nachdem seine Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ vor zwei Jahren allerhand Lob einheimste, legt er mit „Undine“ fast ebenbürtig nach.

Berlin als Sagenreich

Erneut greift der deutsche Star-Regisseur zu einem literarischen Stoff, dieses Mal zu dem der Wassernixe Undine, die er in das Berlin der Gegenwart katapultiert. Auch in „Undine“ versteht er es, verschiedene Zeitebenen und Welten kollidieren zu lassen. Berlin wird plötzlich zur surrealen Zwischenwelt. Hier sitzt die Historikerin Undine in einem Café mit ihrem Freund Johannes. Er gesteht ihr seinen Betrug. Sie schwört, dass sie ihn nun töten müsse. Aus der Literatur ist bekannt: Undine ist verflucht und muss die ewige Liebe finden, ansonsten muss sie sich an ihren Partnern rächen. Der Industrietaucher Christoph scheint der richtige Partner zu sein, doch das Glück der beiden ist von kurzer Dauer. Petzold vereint dabei wieder sein Traumpaar aus „Transit“ vor der Kamera: Paula Beer und Franz Rogowski. Gerade Beer spielt in der Hauptrolle herausragend, wunderbar gratwandernd zwischen Stärke, Sehnsucht und Verzweiflung. Bei der Berlinale gab es dafür den Silbernen Bären als beste Darstellerin.

Zurück zur Natur

Berlin bedeutet ursprünglich „trockene Stelle, Sumpfland“, heißt es anfangs im Film. Damit ist das zentrale Thema gesetzt: die Natur. „Undine“ besitzt nicht die gleiche gesellschaftspolitische Dimension, wie sie zuletzt noch „Transit“ mit seiner Flucht-Thematik hatte. Und doch ist Petzolds bewegendes Märchen wieder ein Film am Zahn der Zeit, vollgepackt mit äußerst poetischer und pointierter Bildsprache. Hier flieht man noch einmal aus der Betonhölle Berlins, aus der Industrie, raus in die Natur und ins Wasser. In Petzolds Film wird im Wasser geküsst und geforscht, geliebt und gestorben. „Undine“ sucht nach einem verlorenen Mythos und fragt, ob es so etwas wie das Märchenhafte in der heutigen Lebensrealität überhaupt noch geben kann.

Die Romanze changiert bei all dem gekonnt zwischen wundersamen und unheimlichen Szenarien, lässt offen, ob hier wirklich Übersinnliches am Werke ist. Das ist mal schwelgerisch, mal etwas pathetisch und gestelzt in seinen geraunten Dialogen, doch von der Uneindeutigkeit und der ungeheuren Melancholie lässt man sich gerne mitreißen. Gerade in seiner reduzierten Erzählweise ist das formal großes Kino geworden! Gegenwärtige Diskurse rund um die Suche nach einem neuen Verhältnis zu Umwelt und Natur verpackt „Undine“ nachdenklich und herzzerreißend dramatisch. Hier schlagen vielleicht doch gar keine Flüche und Wunder zu, sondern einfach nur allzu reale Schicksalsschläge. Bis sich zum Schluss die Natur ihr Reich zumindest für einen kurzen Moment zurückerobern darf. Aber selbst dieses eindringliche Bild bietet in „Undine“ keine Erlösung, sondern ist genau so zerbrechlich wie die beiden Protagonisten in diesem hinreißenden kleinen Drama.

„Undine“ startet am 2. Juli bundesweit in den deutschen Kinos.

Bildquelle:

  • undine1: Schramm Film
  • undine2: Schramm Film/ Christian Schulz

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