Jetzt im Kino: Der neue Guy Ritchie, Disney’s Dschungeltrip und ein Berlinale-Highlight

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"Cash Truck" mit Jason Statham
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Ab heute laufen in den deutschen Kinos unter anderem der neue Gangster-Thriller „Cash Truck“ von Guy Ritchie und Disney’s Abenteuer-Spektakel „Jungle Cruise“, aber auch bildmächtiges Familienkino von der Berlinale.

Cash Truck

Guy Ritchie hat quasi einen Western im heutigen Los Angeles inszeniert. Das Geld holt er aus dem Bereich des Digitalen, Unsichtbaren und Imaginären. In „Cash Truck“ werden die Geldbündel im gesicherten Transporter durch die Stadt gefahren – und zur leichten Beute gemacht. Überall warten bereits die nächsten raubeinigen Gauner, um den Transportzug zu überfallen. Jason Statham kommt nun als mysteriöser „H“ in diese Geldtransportfirma, eine wandelnde Killermaschine zwischen den Fronten, die ein Geheimnis verbirgt, das bald immer mehr Opfer fordert.

Es ist die Wiedervereinigung von Statham und Guy Ritchie nach längerer Zeit. Der Actionheld zeigt Routiniertes, alle Augen sind dabei vielmehr auf Ritchie hinter der Kamera gerichtet, denn der Regisseur hat hier einen grundsoliden Genrehybriden geschaffen, Ja, er hat überhaupt seit langer Zeit mal wieder einen sehenswerten Film gedreht, nachdem er zuletzt mit „Aladdin“ und „The Gentlemen“ mit zwei eher seelenlosen Werken langweilte, letzteres an der Grenze zur Selbstparodie.

„Cash Truck“ vereint, wie erwähnt, Western-Zutaten: Geldtransporte, Raubzüge, Shootouts, Grenzgänge, umherwandelnde Rastlose, die Konfrontation mit den Gesetzeshütern, Rachepläne – aufgezogen als brutaler Thriller, den es so auch schon in früheren Jahrzehnten gegeben haben könnte. Ja, Ritchies Neuverfilmung des französischen „Der Tod fährt mit“ ist, ähnlich wie zuletzt auch „The Gentlemen“, wieder völlig aus der Zeit gefallen und mit einer eigenartig groß-künstlerischen Geste inszeniert, als wolle man hier aus einem recht standardmäßigen Genre-Reißer große Oper stricken.

Diese Suggestion wiederum gelingt Ritchie mit erstaunlicher Kurzweil und Gravitas. Weil er dieses Mal nicht mit ewig schwadronierenden und witzelnden älteren Herren in Designeranzügen die Nerven strapaziert, sondern sich Gedanken macht, wie sich aus diesem großstädtischen Krieg um Geld und Vergeltung annehmbares Spannungskino stricken lässt. Was altbekannt und simpel erscheint, verzweigt Ritchie mit unverschämter Raffinesse. Seine Geschichte entfaltet sich in mehreren unterteilten Kapiteln, deren Zeitebenen er ineinander verschachtelt, bis sie sich immer wieder an den Kernpunkten begegnen, die die nächste brutale Eskalation anbahnen. Das hat einen eigenartigen Charme, wie Ritchie Alteingesessenes noch einmal groß aufbläst, als hätte sich das Genre nie weiterentwickelt. In jedem Fall ist „Cash Truck“ eine passable Rückbesinnung. Man könnte es auch Grabpflege nennen.

Die Adern der Welt

Wie reifes, eindrucksvolles Familienkino im Jahr 2021 aussehen kann, das zeigt Regisseurin Byambasuren Davaa („Die Geschichte vom weinenden Kamel“) in ihrem Berlinale-Beitrag „Die Adern der Welt“. Das Familiendrama ist Weltreise, ohne bloßen Tourismus zu betreiben. Eine kulturelle Erkundung, ohne zu exotisieren oder mit zu vielen Deutungen von außen zu entleeren. „Die Adern der Welt“ spielt in der mongolischen Steppe, wo der zwölfjährige Amra mit seiner Familie ein Nomadenleben führt. Internationale Unternehmen sind bereits dabei, die Region umzugraben und fortwährend zu zerstören. Davaa setzt diese Landschaften mit umwerfender Schönheit in Szene, aber auch mit einem ungeheuren Gespür für die Spuren ihrer Zerstörung. Tiefe Gräben, die ausgehoben werden, Rohre, die sich durch die Steppe fressen.

Während die Menschen um ihre Existenz und Lebensweise und gegen die kapitalistische Ausbeutung kämpfen, wird Amras Familie mit dem plötzlichen Tod des Vaters zerrissen, während der Junge vom Auftritt in einer Castingshow träumt. Diese Verstrickung eines kollektiven Traumas mit dem persönlichen gelingt dem Film nicht immer vollends. Während sich „Die Adern der Welt“ in der ersten Hälfte an große Themen wagt, drängt sich irgendwann das Familiäre in den Vordergrund.

Da sind immer noch erstaunliche, teils höchst beklemmende Beobachtungen der Arbeitswelt und Existenzkrise zu finden; letztendlich überwiegen Trauerarbeit und Alltagsbewältigung im Kleinen. Wobei selbst das schon wieder recht clever in die Aufstiegsversprechen der Castingshow-Welt passt, die sich in die Handlung schleicht. Wo man vor dem Politischen die Augen verschließen will, wird das Private vor dem Publikum ausgebreitet. Hier diese Fassade zu blicken, dazu lädt dieser durch und durch sehenswerte Film ein.

Jungle Cruise

Man könnte es zynisch als das Gegenteil von „Die Adern der Welt“ bezeichnen. Wo dieser in ebenso minimalistischen wie überwältigenden, durchdachten Bildern und Gedanken schwelgt, wo ein politisches Anliegen seine Form und Erzählweise für ein generationenübergreifendes Kino sucht, herrscht in Disney’s „Jungle Cruise“ in erster Linie Spektakel. Der Konzern hat, wie etwa bei der „Fluch der Karibik“-Reihe, ein Fahrgeschäft für die große Leinwand und den kleineren Bildschirm mit Disney+ adaptiert. In über zwei Stunden reiht man da allerhand Versatzstücke aneinander, zollt einem Abenteuerkino vergangener Tage Tribut.

Getragen wird das von einem, zugegeben, charismatischen Duo: Emily Blunt und Dwayne Johnson. Sie spielt eine junge Forscherin, die im Amazonas nach dem Baum des Lebens sucht. Er soll sie auf seinem klapprigen Kahn durch den Urwald lotsen. Auf den Fersen sind ihnen deutsche Imperialisten – der Erste Weltkrieg wütet gerade – und ein uralter Fluch, der die Konquistadoren des 16. Jahrhunderts durchs Gestrüpp spuken lässt. Und so ist es im Kern die Begegnung mit dem Gespenst Kolonialismus, um die sich „Jungle Cruise“ dreht. Prinzipiell eine nette Idee, zu schauen, wie Eroberung, Ausbeutung, Gier und Dominanzkultur über Jahrhunderte hinweg und auch nach der Unabhängigkeit noch immer in Landschaft und Gesellschaft eingeschrieben sind. Aber ist „Jungle Cruise“ in seiner filmischen Perspektive da wirklich besser?

Ein paar identitätspolitische Zugeständnisse werden da gemacht: Eine der Hauptfiguren darf sich für wenige Sekunden als homosexuell outen, Emily Blunt rebelliert gegen Geschlechterklischees und dass die indigene Bevölkerung nicht einfach eine Ansammlung primitiver Kannibalen ist, das ist inzwischen angekommen. Und doch ist die Weltsicht, die diese Dschungel-Expedition eröffnet, im Grunde genommen eine rein touristische, eine kolonialistische, wenn man es drastisch ausdrücken möchte. Eine, die nach Attraktion giert, vor Exotismus und Naturkitsch nur so strotzt und ihr entdecktes Gebiet nebst Lebewesen weniger erkundet als vielmehr in einen reinen Abenteuerspielplatz für den eigenen Wettstreit verwandelt.

Immerhin: Wenn der Freizeitpark schon ins Kino kommt, versteht es Disney hier, die richtigen Hebel in Bewegung zu setzen, um den Unterhaltungswert durchweg hoch zu halten. Hinter der nächsten Ecke lauert immer bereits das nächste hübsch anzusehende Tier, eine raue Naturgewalt oder Schreckensgestalt. In etwa so wie die Flussfahrt, die „The Rock“ im Film anbietet, um den naiven Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

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Bildquelle:

  • cashtruck: Studiocanal 2021

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