Naidoo: Bedenkliche Reaktion auf bedenkliche Texte

08.05.2017, 15:02 Uhr, Ein Kommentar von André Beyer

Der Aufschrei über Xavier Naidoos Texte ist laut, kommt aber spät. Naidoos Texte und Meinungsäußerungen sind nicht erst seit den Zeiten von "Pegida" und "Reichsbürgerbewegung" kontrovers bis grenzwertig. Aber seine Lieder waren auch Hits und so lange sie populär genug waren scheinbar auch nicht diskussionswürdig.


Xavier Naidoo stand lange Zeit für Erfolg. In den vergangenen zwanzig Jahren zeichnete er sich verantwortlich für viele Hits, egal ob mit seiner Band Söhne Mannheims oder als Solo-Künstler. Zwischen den Zeilen und selten in den Single-Auskopplungen, eher in den nicht so bekannten Stücken und in Interviews, konnte man aber seit je her teilweise sehr kontroverse Äußerungen lesen und hören. 


Doch seitdem Jan Böhmermann in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" den bekanntesten Sohn Mannheims mächtig aufs Korn genommen hat, dreht sich die öffentliche Wahrnehmung Xavier Naidoos prompt. Der willkommene Hitproduzent wird im Handumdrehen zur Persona non grata. Die Reaktion von Politik und Medien auf das einzelne Lied "Marionetten" von Naidoos Band Söhne Mannheims ähnelt in ihrem Ablauf stark der Debatte um seine ESC-Kandidatur für Deutschland und erscheint ähnlich fragwürdig.


Die ablehnende Haltung ist inhaltlich vollkommen nachvollziehbar. Ist der Text doch größtenteils ziemlich krude und zum Beispiel von "Volksverätern" die Rede. Aber sie ist auch opportunistisch, weil sie aufgeschoben wurde bis zu dem Zeitpunkt, an dem jemand die Hand hebt. Mit seinen Positionen hat sich Naidoo nie zurückgehalten, zum Beispiel 2011 im ZDF-Morgenmagazin Deutschland als besetztes Land bezeichnet. Sie sind deshalb auch noch nie frei von Zweifeln gewesen und werden auch schon länger öffentlich debattiert. Aber das scheint, so lange ein gewisser Popularitätsgrad besteht, nicht ins Gewicht zu fallen. Er ist trotzdem gern gesehener Gast(-geber) im (Privat-)Fernsehen und seine Musik läuft im Radio rauf und runter.


In einer pluralistischen und weltoffenen, wenn auch schnelllebigen und aufgeheizten Gesellschaft und Medienwelt sollte man aber auch die Courage haben, über die Äußerungen eines Künstlers nicht hinwegzusehen, sondern zum angebrachten, viel früheren Zeitpunkt in Ruhe und nicht in Rage zu diskutieren.

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