„Scenes From A Marriage“ bald bei Sky: So gut ist die Serien-Neuverfilmung

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Bei den Filmfestspielen von Venedig feierte die prominent besetzte HBO-Serie „Scenes From A Marriage“ ihre Weltpremiere. In Deutschland wird die Neuverfilmung des gleichnamigen schwedischen Klassikers bei Sky laufen.

Man kann in dieser Miniserie zwei der beeindruckendsten schauspielerischen Leistungen des Jahres sehen. Oscar Isaac („Dune„) und Jessica Chastain („Molly’s Game“) schlüpfen in die Rollen, die einst Liv Ullmann und Erland Josephson in Ingmar Bergmanns „Szenen einer Ehe“ in den 1970ern verkörperten. Die unbändige Chemie zwischen den beiden, das subtile Mienenspiel, die Beleidigungen, die Zärtlichkeiten, die plötzlichen Stimmungsschwankungen und bedeutungsvollen Blicke – Isaac und Chastain glänzen in jeder Minute dieser Serie, die, wie bereits das schwedische Original, hauptsächlich ihre beiden Gesichter in Szene setzt.

In ihnen zeichnet sich die Krise einer vermeintlich unerschütterlichen Ehe ab, die mit dem Besuch einer Journalistin im trauten Heim erste Risse offenbart. Später der Streit eines befreundeten Paares im Haus, eine ungewollte Schwangerschaft läutet den endgültigen Bruch in dieser Beziehung ein.

Sie liebten und sie stritten sich

In fünf, von Leerstellen durchbrochenen Szenen porträtiert das Remake des Serienklassikers das Ende der Liebe von Mira und Jonathan, deren Wege immer wieder zusammenfinden, aber doch nicht zusammen bleiben können. Jede Wiederbegegnung schlägt im Minutentakt von Erotik in Verzweiflung in Kampf um. Auf jede Zärtlichkeit und nostalgische Erinnerung folgt der nächste Angriff.

Erst im Eröffnen neuer Lebensentwürfe, wenn die Liebe untereinander wieder zum Geheimnis wird, das aus dem gewohnten Alltag herausfällt, scheint noch einmal so etwas wie Romantik möglich. Erneut offenbaren die „Szenen einer Ehe“ in aktualisierter Form einen Gegenentwurf zu dem Happy-End, das das romantische Kino Hollywoods allzu oft verspricht und als Ideal verkauft.

Keine Provokation mehr

„Scenes From A Marriage“ orientiert sich dabei in der inhaltlichen Grundstruktur recht eng an dem Original von Ingmar Bergmann. Einiges hat man zeitgemäß angepasst. Mit diversen altbackenen Rollenbildern der Vorlage kokettiert man, im Jahr 2021 wird in dieser Ehekrise auch über Gender diskutiert. Das Verhalten einer Figur wird mitunter nun der anderen zugeschrieben. Geblieben ist das endlose Forschen nach Gründen für das Scheitern der Ehe sowie nach Wegen, sie vielleicht doch noch am Laufen zu halten.

Zugegeben, man fragt sich ein wenig, ob man mit diesem Remake nicht offene Türen einrennt. Die Radikalität und Brisanz, aber auch die Ambivalenzen dieser einzelnen Szenen, mit denen Bergmanns Original bürgerliche Lebensentwürfe und Moralvorstellungen dekonstruiert hat, beweisen hier ihre Zeitlosigkeit. Zugleich überlegt man, inwiefern es da im Jahr 2021 hinsichtlich der Bedeutung traditioneller Ehe in der westlichen Welt überhaupt noch etwas einzureißen gibt. Die kapitalistische Berufswelt wirft da selbstverständlich ihre Schatten, offene Beziehungsmodelle müssen diskutiert werden.

Alles nur Fiktion?

Nichtsdestotrotz kommt diese aktualisierte Version des Stoffes nicht wirklich mit neuen Antworten und Erkenntnissen daher. Sie erweist sich vielmehr als Annäherung an einen übergroßen Filmstoff, der in der Historie längst kanonisch geworden ist und nun noch einmal reaktiviert und erneut durchgespielt werden soll. Die Serie thematisiert das offen in ihrer Rahmung, die am Anfang und/oder am Ende der Episoden die Handlung durchbricht.

Da wird alles als Spiel und dezidiert filmische Situation entlarvt. Oscar und Isaac machen sich bereit für die nächste Szene, im Hintergrund ruft jemand Anweisungen, Make-Up wird aufgetragen. Filmklappe. Action! Es kann weitergehen. Als Befragung der Bergmann-Serie ist das ambitioniert, zum großen Teil ist es geglückt. Als Ersatz taugt die Neuauflage aber nicht, auch wenn sie sich alle Mühe gibt, den Geist des Klassikers zu übertragen.

Reines Dialogfernsehen

Ein wenig erstaunt es, dass man sich erneut traut, über Folgen hinweg nichts anderes zu zeigen als zwei diskutierende Figuren. Wobei sich das grundlegend natürlich auch nicht sonderlich von all den unzähligen palavernden heutigen Serien unterscheidet. Bergmanns „Szenen einer Ehe“ waren damals in der längeren TV-Fassung zweifellos bereits eine clevere Zuspitzung und Antwort auf ein Seifenopernfersehen, das das Publikum sonst in Kitsch und Schwafelei ertränkt.

Auf musikalische Untermalung wird auch im Remake fast gänzlich verzichtet. Okay, das sieht heute alles etwas gefälliger aus als der sperrige Doku-Look des Originals. „Scenes From A Marriage“ erstrahlt in warmen Sepiatönen. Ab und zu wird das beklemmende Sichtfeld aufgebrochen, die Kamera bewegt sich in langen Einstellungen durch das Haus. Wie eine künstliche, leere Filmkulisse wirkt das, die metafiktionale Rahmung hat das ja ohnehin längst enttarnt. Niemand kann hier auf Dauer heimisch werden, jeden Moment kann sie wieder abgebaut und verwandelt, weitergetragen werden. Eine nette Idee, den Kosmopolitismus, der die Ehe ebenso als Konzept überholt, in die Räume einzuschreiben.

Ohne Schauspiel keine Ehe

Und doch wurde in Ingmar Bergmanns Original noch einmal wesentlich intelligenter über die Liebe philosophiert. „Scenes From A Marriage“ in der 2021er Version bemüht sich darum, dieses Verzwickte und Suchende nachzubilden. Alles soll hier noch authentischer und lebensechter wirken. Es gipfelt in erheblich mehr Smalltalk.

In vielen Momenten vergisst man tatsächlich, dass das gespielt ist. In anderen denkt man, es würde sich jemand Fremdes neben einen stellen und ungefragt von seinem Tag erzählen. Gewisse Durststrecken kann man der Miniserie nicht absprechen. Zugleich passt dieses quälend träge Gefühl zu dem aussichtslosen Kampf, der auf der Leinwand bzw. bald dem Fernsehbildschirm ausgetragen wird. Immer neue Rollen spielen die beiden da einander vor. Ohne ständiges Spielen und Vervielfältigen der Rollen keine Ehe.

Am Ende sind es auch die Privatpersonen Jessica und Oscar, die durch das Bild schreiten. Vielleicht ist dieses Reenactment des Bergmann-Klassikers vor allem eines, das zu einem Gespür für Alltags- und Lebenstheater zurückfindet. Vielleicht findet die eigentliche Anziehung hinter den Kulissen statt, wo man dieses Prinzip verinnerlicht hat und neu ergründet. Man kann auf irrationale Weise kaum glauben, dass sich zwischen Isaac und Chastain diese durchlebten Gefühlswelten nach Drehschluss einfach abschütteln lassen. Gegrübelt wird darüber in getrennten Garderoben.

„Scenes From A Marriage“ feierte seine Uraufführung im Rahmen der 78. Filmfestspiele von Venedig. Die Serie wird parallel zum US-Start in der Nacht vom 12. auf den 13. September in der englischen Originalfassung auf Abruf über Sky Q und Sky Go verfügbar sein – mit wöchentlich einer Episode. Die Ausstrahlung der synchronisierten Fassung erfolgt ab 19. November auf Sky Atlantic.

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Bildquelle:

  • scenesfromamarriage: Home Box Office /Sky Deutschland

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