Beyer: ARD und ZDF „müssen Unterhaltung ernst nehmen“

38
25
Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
Anzeige

Unterhaltung machen heutzutage die Privaten, nicht ARD und ZDF. Dies zeige zuletzt auch die aktuelle Debatte um die ESC-Nomierung von Xavier Naidoo. Axel Beyer, der frühere WDR-Unterhaltungs- und ZDF-Showchef, sieht bei den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern große Defizite in der Unterhaltungssparte.

Anzeige

Die Öffentlich-Rechtlichen haben ihre Kompetenz bei der Unterhaltung an die privaten TV-Sender verloren. So urteilt Axel Beyer, der frühere WDR-Unterhaltungs- und ZDF-Showchef, im Interview mit der „Welt“. Das Debakel um die Nominierung von Xavier Naidoo für den European Song Contest und den anschließenden Rückzug des NRD sieht er als exemplarisch für den problematischen Zustand der Unterhaltungssparte bei ARD und ZDF an.

Als Auslöser für die Debatte um die ESC-Nominierung benennt er der Tageszeitung gegenüber das Fehlen der internen Kommunikation im Vorfeld der Entscheidung. „In einer Arbeitsgemeinschaft etwas unabgestimmt zu tun, ist aber nie eine kluge Entscheidung“, so Beyer. Als Fazit befürchtet er durch die Aktion Schaden für den Senderverbund. „Der ARD und dem ESC hat die Aktion auch nicht geholfen“, erklärte der ehemalige Unterhaltungschef. „Wer immer antritt, ist zweite Wahl.“

Bei dem Unterhaltungsangebot der öffentlich-rechtlichen TV-Sender sieht er insgesamt große Defizite. Laut Rundfunkstaatsvertrag obliegen ihnen die drei Säulen Information, Unterhaltung und Bildung. Bei der Unterhaltung hätten die Privaten jedoch inzwischen die Öffentlich-Rechtlichen überholt, deren „wesentlicher Daseinszweck“ in der Unterhaltung zu sehen sei. „Die Sender haben viel Unterhaltungskompetenz an die Privaten verloren“, erklärt Beyer. „Klassische Unterhaltung hat nur noch sehr wenig Sendeanteil am Programm.“
 
Den Grund dafür sieht Beyer in der personellen Struktur der öffentlich-rechtlichen Sender: „Es gibt nur noch verdammt wenige Leute mit Fachwissen in den Redaktionen.“ Allerdings hält er dieses Problem für hausgemacht: „Man hat zugelassen, dass gute Leute abwandern und nicht ganz so erfahrene Leute nachrücken. Denn es gilt das Motto: Unterhaltung kann jeder. Doch Fehler, die im redaktionellen Bereich gemacht werden, schlagen sich vor der Kamera nieder.“
 
Den Ursprung dieser Entwicklung schreibt Beyer dabei dem mangelnden Engagement zu, mit dem sich die öffentlich-rechtlichen TV-Sender der Unterhaltungssparte widmen. „Die Öffentlich-Rechtlichen stellen demgegenüber immer ihre Informationskompetenz nach vorn“, so der ehemalige Showchef vom ZDF. „Unterhaltung ist ihnen oft ein lästiges Übel, weil es mit im Rundfunkstaatsvertrag steht.“ Daher fordert er mehr Bereitschaft von den Öffentlich-Rechtlichen, sich der Unterhaltung ernst zu nehmen. „Sie müssen Unterhaltung genauso wertschätzen wie ihr anderes Programm auch und nicht als Anhängsel sehen“, so Beyer. „Sie müssen Unterhaltung ernst nehmen.“
 
Dabei dürfen sich die Sender dem Trend der Entertainisierung nicht verschließen. Diese Entwicklung sei auf den aktuellen Zeitgeist zurückzuführen, auf den auch ARD und ZDF als Dienstleister zu reagieren hätten: „Wenn wir Menschen sagen, wir hätten es gerne ein bisschen unterhaltsamer, dann müssen auch ARD und ZDF es eben unterhaltsamer machen.“[kw]

Bildquelle:

  • Medien_Maerkte_Artikelbild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
Anzeige

38 Kommentare im Forum

  1. Unterhaltung gehört längst nicht mehr zur Grundvesorgung durch den ÖR! Die Debatte zeigt schön, daß hier ein großer Reformbedarf besteht und eine damit einhergehende drastische Beitragssenkung.
  2. Wenn Unterhaltung kein Bestandteil der Grundversorgung sein soll - woraus soll diese Grundversorgung denn bestehen? Nur Nachrichten und Minderheitenprogramme?
Alle Kommentare 38 im Forum anzeigen

Kommentieren Sie den Artikel im Forum