Middleware: P7S1 fordert einheitliche, offene Lösung

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Bild: © Victoria - Fotolia.com
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Leipzig – In der Diskussion um den Einsatz proprietärer Systeme in den Kabelnetzen sprachen wir auch mit dem Pro Sieben Sat 1 Konzern.

Im Gespräch mit DIGITAL FERNSEHEN fordert Klaus Hofmann, Leiter Distribution Kabel, Terrestrik & Mobile bei Pro Sieben Sat 1 den Einsatz einer einheitlichen, offenen Middleware-Lösung und erläutert, warum die Programme des Konzerns derzeit keine interaktiven Anwendungen anbieten.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Aufgrund der Möglichkeit, dass die Kabelnetzbetreiber unterschiedliche Middleware-Lösungen einsetzen könnten, würde sich die technische Divergenz zwischen den Kabelnetzbetreibern noch verstärken. Wie beurteilen Sie als Inhalteanbieter diese mögliche Entwicklung?

Klaus Hofmann: Diese Entwicklung sehen wir als sehr kontraproduktiv an. Inhalte und Dienste können aus Kostengründen von Programmveranstaltern nur einmal hergestellt und nicht für jede Plattform oder jeden Netzbetreiber neu aufbereitet werden. Der Zugang zu den Inhalten muss in Darstellung und Funktionsweise über alle Plattformen einheitlich erfolgen.
 
DF: Die Programme der Pro Sieben Sat 1 Media AG bieten unserem Kenntnisstand nach derzeit keine Applikationen für digitales Fernsehen an. Welche Voraussetzungen müssten geschaffen werden, damit eine Wiederaufnahme interaktiver Fernsehdienste für Sie sinnvoll ist?
 
Hofmann: Um interaktive Dienste anbieten zu können, brauchen wir Endgeräte (STB) mit einer einheitlichen Middleware und einem Rückkanal auf der Basis von DSL oder Docsis. Beides ist zurzeit nicht vorhanden. Auch für die optische Darstellung sind hochauflösende Bildschirme in den Haushalten notwendig, damit es zu keinem wesentlichen Unterschied in der Darstellungsqualität zwischen PC und Fernsehgerät kommt.

DF: Gibt es eine Middleware-Lösung, die Sie bevorzugen? Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei MHP, Media Highway oder OpenTV ?
 
Hofmann: Wir bevorzugen eine offene, standardisierte Lösung über alle Plattformen. Hier zeigt die Entwicklung, dass dieNutzung von einfacher Browserstechnologie und die Übertragung der Inhalte im CE-HTML-Standard der richtige Weg sein können, interaktive Inhalte zum Zuschauer zu bringen.
 
DF: Gab es in den letzten Monaten Gespräche zwischen der Pro Sieben Sat 1 Media AG und den Kabelnetzbetreibern über die Einführung einer Middleware?
 
Hofmann: Nein.
 
DF: Welche interaktiven Anwendungen können Sie sich überhaupt vorstellen?

Hofmann: Es gibt unterschiedliche interaktive Anwendungen, die über ein gemeinsames Frontend(Fernsehgerät) angeboten werden könnten: Votings, Gaming, Video on Demand, aber auch interaktive Werbung bis hin zur personalisierten Werbung.
 
DF: Worin sehen Sie die Ursachen, dass sich interaktives Fernsehen in Deutschland bisher kaum durchgesetzt hat? Warum sind Ihrer Meinung nach andere Staaten wie zum Beispiel Großbritannien den deutschen Anbietern in Sachen Interaktivität so weit voraus?
 
Hofmann: Die unterschiedlichen Interessen, Erwartungen und Einschätzungen der Marktpartner hat die Einführung in der Vergangenheit verhindert. Verbraucherschutz und Kartellamt haben den Rest dazu beigetragen. Es ist zu hoffen, dass mit der Hilfe der Internettechnologie, der hohen Marktdurchdringung von DSL und der breitbandigen Kabeltechnologie ein Marktdurchbruch in Deutschland erzielt werden kann.
 
DF: Da sich offenbar der Markt nicht auf einen Interaktivitätsstandard einigen kann – befürworten Sie eine gesetzliche Lösung?
 
Hofmann: Nein, die Marktbeteiligten (Plattformbetreiber, Netzbetreiber, Endgerätehersteller) müssen sich auf festgelegte, offene und diskriminierungsfreie Standards im Interesse der Nutzer und der Inhalteanbieter einigen. Inhalteanbieter können dann über alle Verbreitungswege versuchen, ihre zusätzlichen Angebote den Kunden anzubieten. Ein fragmentierter Technologiewettbewerb ist nicht sinnvoll, mit hohen Risiken verbunden und kaum bezahlbar.
 
DF: Herr Hofmann, vielen Dank für das Gespräch. [mth]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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1 Kommentare im Forum

  1. AW: Middleware: P7S1 fordert einheitliche, offene Lösung Dazu wurde bereits 2001 die Mainzer Erklärung von ARD, ZDF, RTL, P7S1 und sogar Premiere unterschrieben. Leider wurde das von den Kabel-TV-Mächten verhindert (aktive Unterstützung sowieso nicht, aber auch keine Zertifizierung von MHP-Boxen). An diese Mainzer Erklärung haben sich eigentlich nur ARD und ZDF dran gehalten. RTL hatte eine kleine Zeit lang so eine Art Demospielen (keine kontextbezogenen Infos), von den anderen kam nichts auf den Markt... Ganz wichtig ist hier die geäußerte Möglichkeit, sog. personalisierte Werbung zu erstellen. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt beim Wunsch einiger Akteure, eine sog. Grundverschlüsselung einzuführen, Stichwort direkte Adressierbarkeit des Empfangsgerätes. Dadurch kann das Nutzerverhalten analysiert und ggf. eine entsprechende personalisierte Werbung erstellt werden. Wichtig für Kunden und Zuschauer ist, dass sowas nur möglich sein darf, wenn der Kunde explizit und separat (also nicht "hintenrum" in einem der vielen AGB-Punkte) zustimmt.
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