„The Last of Us“ – Freundschaft bezwingt den Tod

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Bild: © Victoria - Fotolia.com
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Es verängstigt, es frustriert, es bereitet Unbehagen, es zeigt eine ausgestorbene Welt, die in Trümmern liegt: „The Last Of Us“ ist Sonys heißester Kandidat auf das Spiel des Jahres und verschreibt sich ganz den Oscar-Tugenden von Filmen wie „No Country For Old Men“ – je sperriger, desto besser.

Während Sie „Bioshock Infinite“ behutsam in die Geheimnisse einer anfangs bilderbuchschönen Fantasyumgebung einweihte, greift Entwickler Naughty Dog bei „The Last Of Us“ zum Vorschlaghammer: Zombies soweit das Auge reicht, Feuer, Explosionen und ein kleines Mädchen und ihr Vater, die um ihr Leben rennen.
 
Die Flucht endet tragisch und dies, Ironie des Schicksals, nicht durch das Einwirken von Zombies, sondern das Handeln eines pflichtbewussten Soldaten. Als Spieler ist man von derlei emotionaler Durchschlagskraft schlichtweg überwältigt, im Gegensatz zur mittelmäßigen deutschen Synchro sollten Sie dem englischen Originalton aber unbedingt den Vorzug geben.

Es war einmal…
 
Szenenwechsel: Ein paar Jahre später steht die Menschheit am Abgrund, Städte sind heruntergekommene Mauerwerke einer einstig kulturellen Zivilisation. Es geht nur noch darum zu überleben, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Joel, der spielbare Charakter des Spiels, wird als Schmuggler angeheuert, um ein vorlautes Mädchen zu einer Gruppe von Widerstandskämpfern zu geleiten.

 
Dieses hört auf den Namen Ellie und bietet Joel nicht nur in Sachen Mundwerk Paroli, sondern schreckt auch vor Messer- und Schusswaffen nicht zurück – für ein 14-jähriges Mädchen ist Ellie erschreckend kaltblütig aber gleichzeitig mit kindlichem Humor gesegnet.
 
 
Das Zusammenspiel zwischen Joel und Ellie übersteigt sogar das Zusammenwirken von Booker DeWitt und Elizabeth aus „Bioshock Infinite“, denn die Spannung zwischen Joel und Ellie wird über die gesamte Spieldauer von mehr als 15 Stunden aufrechterhalten und Stimmungswechsel führen bei dieser ungleichen Beziehung schnell zu einer unerwarteten Wendung.

Gemeinsam durch die Hölle
 
Zugleich stellt dieses emotionale Pulverfass aber auch das eigentlichgute Spielsystem vor Probleme, beispielsweise wenn Gegner nur auf Siereagieren, während Ellie solange unbemerkt vor einem Gegnerherumspazieren kann, bis Joel entdeckt wird. Dennoch wächst einem Ellieschnell ans Herz: Ist Sie im Spielverlauf einmal nicht an der Seite vonJoel, entsteht auch beim Spieler eine gewisse Leere. So dynamisch wieanfangs erhofft funktionieren die Kämpfe leider nicht, Ellie und auchandere Charaktere greifen zwar aktiv ins Geschehen ein und unterstützenSie tatkräftig, allerdings wurde die Feuergeschwindigkeit undDurchschlagskraft der Nebencharaktere heruntergeschraubt, weshalb diesezuweilen minutenlang auf Zombies schießen, während Sie mit einem Trefferfür Totenstille sorgen.
 
Grober Unfug: Menschliche Gegenspieler liefern nach ihrem Ableben häufig weder Waffen noch Munition, Zombies hingegen schon. Hatten wir anfangs die Befürchtung, „The Last Of Us“ könnte zum „Uncharted“-Klon werden, lösten sich diese Vorteile binnen Minuten in Luft auf. Joel bewegt sich schwerfällig aber glaubhaft, nimmt Stürze nicht ohne Blessuren hin und in Feuergefechten sind Sie stets unterlegen, was vor allem an den langsamen Schuss- und Nachladezeiten, sowie dem spärlichen Munitionsvorrat liegt.

Drake’s Alptraum
 
Zwar läuft „The Last Of Us“ ähnlich wie „Uncharted“ strikt von A nachB ab, doch die Areale sind deutlich weitläufiger und Sie können Sietatsächlich verirren. Demgegenüber finden Sie nach langer Suche sicherePassagen, die an den Gegnerhorden vorbeiführen – die Suche nach demAusgang ist meist erfolgsversprechender als alle Gegner eliminieren zuwollen. Leider konnte sich Naughty Dog bestimmten Videospielgesetzennicht verschließen, sodass Sie teilweise gezwungen werden, allesniederzumähen.
 
Kritik gibt es von uns für den zähen Mittelteil, der nach folgendem Schema abläuft: Gehe zur Brücke, gehe zum nächsten Stadtteil, finde und repariere ein Auto usw. Aufgelockert wird die Schnitzeljagd ohne erkennbares Ziel durch allerlei Nebencharaktere, deren Einfluss auf die Geschichte aber weit weniger überzeugt, als bei „Bioshock Infinite“. Dafür schmiedet Naughty Dog das Band zwischen Joel und Ellie noch enger und bietet gegen Spielende die besten Stunden Unterhaltungskino, die ein Videospiel jemals vortrug (inklusive eines Ausritts zu Pferd und eines weiteren spielbaren Charakters neben Joel).

No Country For Zombies
 
Wie die Jahreszeitenwechsel im Spiel ändert sich das Verhältniszwischen Joel und Ellie und die Entwickler scheuen sich nicht davor,beide Charaktere durch eine Hölle von Grausamkeiten zu schicken, derenFeuer gegen Spielende aber immer häufiger von Menschenhand statt vonZombies geschürt wird. Dadurch behält „The Last Of Us“ jeneBodenhaftung, die „Bioshock Infinite“ im weiteren Spielverlauf verliertund ohne Zweifel ist Naughty Dogs Beitrag zum Spiel des Jahres dasinsgesamt rundere, nachvollziehbare Werk.
 
Perfekt ist aber auch „The Last Of Us“ nicht, denn wer ein teilweise recht sperriges Machwerk wie „No Country For Old Men“ abliefert, darf sich nicht wundern, wenn der Spielverlauf bei mehr als 15 Stunden Spielzeit (3 Stunden allein für Zwischensequenzen und Dialoge) zuweilen doch ermüdet und frustriert.

Die tristen, heruntergekommenen Umgebungen sind auch nicht geradeeinladend für Erkundungstouren, für das eigene Überleben ist die Suchenach Gegenständen aber verpflichtend. Für gehörigen Gesprächsstoff wirddas Ende sorgen, dass Sie nach einer emotionalen Achterbahn der Gefühlefast kommentarlos allein lässt.
 
Bereits vorab schickte Entwickler Naughty Dog voraus, dass „The Last OfUs“ ähnlich endet wie „No Country For Old Men“ – dieses Ziel haben dieEntwickler erreicht, nach mehr als 15 Stunden Spielzeit und all denStrapazen hätten wir uns aber dennoch ein eindeutigeres Ende gewünscht.
 
An diesem Punkt geben wir der komplizierten Geschichte von „BioshockInfinite“ den Vorzug, denn dort wurden alle Fäden zusammengeführt undder Spieler zum nochmaligen Durchspielen verleitet – das gelingt „TheLast Of Us“ in unseren Augen nicht.

In Summe ist „The Last Of Us“ aber zweifelsfrei das bessere Spiel,mit einer enorm beeindruckenden Grafik. Umgebungsdetails undGesichtsanimationen haben wir in vielen Animationsfilmen bereitsdeutlich schlechter gesehen, in manchen Zwischensequenzen steigert sichder Realismusgrad sogar auf Referenzniveau.
 
Wer den ergreifenden, extrem brutalen Weg mit Joel und Elliebeschritten hat, wird nicht an ein Spiel zurückdenken, sondern an zweiPersonen aus Fleisch und Blut, deren Beziehung auf Jahre in Erinnerungbleiben wird. Neben der TV-Serie „Game Of Thrones“ ist „The Last Of Us“das emotionale Meisterwerk dieses Sommers!
 
 
Bestellt werden kann „The Last of Us“ unter anderem beim Online-Händler Amazon. Die PS3-Version ist für aktuell 59 Euro zu haben.[Christian Trozinski]

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