Neu im Kino: Herzschmerz und Todesangst zwischen den Jahren

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Frauen backen einen Kuchen
Foto: Splendid Film
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An den letzten Tagen von 2022 starten mit „Die Insel der Zitronenblüten“ und „Was man von hier aus sehen kann“ zwei gefühlige Romanverfilmungen im Kino.

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„Die Insel der Zitronenblüten“ jetzt im Kino

Ein zentrales Bild fasst diese Romanverfilmung zusammen: Da steht die Protagonistin in der ihr vermachten Bäckerei und rührt im Bottich einen Kuchenteig zusammen. Alle Zutaten werden zur breiigen Masse vermengt, ab und an tröpfelt eine Träne für das Quäntchen Herzschmerz in das Gemisch. Ähnlich verhält es sich mit diesem konfus zusammengesetzten Familiendrama. Die Zutaten von „Die Insel der Zitronenblüten“ schmecken schon längst nicht mehr frisch. Manchmal vereinen sich nach Rezept abgemessene Zutaten zur drögen Substanz, die feine Nuancen der puren Übersättigung weichen lässt.

Benito Zambranos Film bedient sich bei allem, was der Vorratsschrank der Seifenopern noch hergeben konnte: Hochzeit, Familienzwist, Erbschaft, Adoption, Kindererziehung, Krankheit – die ganze Unbill des Lebens muss in geraffter Form abgearbeitet werden, um die großen Affekte und Emotionen aus dem Publikum herauszukitzeln.

Die Protagonistinnen von „Die Insel der Zitronenblüten“ Foto: Splendid Film

Melodram und Schicksalsschläge

Basierend auf dem Roman von Cristina Campos, wird die Geschichte zweier Schwestern (Elia Galera und Eva Martín) erzählt, die sich rund um das Erbe eines alten Bäckereigeschäfts auf Mallorca wieder einander annähern. Nebenbei haben sie diverse private Schlachten zu schlagen. Ein toxischer Ehemann und eine arrangierte Ehe, um ein Kind in Afrika adoptieren zu können, sind da nur zwei Probleme, die es zu bewältigen gilt. Und weil das alles nicht reicht, wird irgendwann die Keule Krebs geschwungen.

Wo die erzählerischen Mittel ausgehen, muss schwere Krankheit die Tränen ziehen. Eine geschmacklose Ultima Ratio für das Drehbuch! Erkennbares Geschick, mit dem sich „Die Insel der Zitronenblüten“ derweil seiner lästigen Männerfiguren entledigt, wie sich nach und nach seine entfremdeten und grübelnden Frauen die Leinwand erobern, bleibt letztlich ein nett gemeintes Anliegen im schwülstig erdrückenden Melodram. Es jongliert hilflos mit überfrachteten Krisen.

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„Was man von hier aus sehen kann“ 

Wenn Oma träumt, zittern alle. Die großartige Corinna Harfouch spielt in „Was man von hier aus sehen kann“ eine betagte Frau namens Elsa, die ein schweres Los zu tragen hat: Immer dann, wenn ihr ein Okapi im Traum erscheint, ist quasi gewiss, dass bald jemand im Dorf sterben wird. Regisseur Aaron Lehmann zeigt in seiner Kino-Adaption des Romans von Mariana Leky, wie die Bevölkerung dabei austickt: Was fängt man denn mit dem eigenen Leben noch an, wenn die verdrängte Wahrheit, das unausweichliche Ende, plötzlich ins Bewusstsein rückt?

Über den beschaulichen Alltag stülpt sich die Kuppel der Gefahr. Auch Selmas Enkelin Luise (Luna Wedler) ist in dieses turbulente Treiben verwickelt. Mit ihr wagt sich der Film ins Unbewusste und Magisch-Realistische. Drängt sich Luise eine Lüge auf, fallen schockartig Dinge zu Boden. Todesängste, Zufälle und Bedrohlichkeiten brechen als audiovisuelle Schreckeffekte in den gewohnten Gang.

Foto: Studiocanal 2022

Die deutsche „Amélie“

Nur, was nützen solche interessanten Ansätze, wenn das Sinnieren über religiöse Obdachlosigkeit und die Konfrontation mit der Endlichkeit von süßlichem Kitsch überkleistert wird? „Was man von hier aus sehen kann“ erscheint wie eine deutsche Version des Kultfilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“, gepaart mit bunter Puppenstuben-Ästhetik, welche an die Filme von Wes Anderson („The French Dispatch“) erinnern lässt.

Allerdings übernimmt dieses Werk auch die Marotten der „Amélie“: Große, kritische Themen eines Gesellschaftsporträts verlieren sich in kleinen, wesentlich uninteressanteren Nebenschauplätzen, harmlosen Anekdoten, Romanzen, Späßen und Gefühligkeiten. Vom Allgemeinen arbeitet sich dieser Film zum spezifischen Charakterdrama durch. Es missbraucht das Märchenhafte zuvorderst als zierenden Zuckerguss. Allein, um das Schwierige und Schreckliche erträglich zu halten, das bis zur Unkenntlichkeit verniedlicht wird.

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Außerdem im Kino ab dem 29. Dezember 2022

  • Annie Ernaux – Die Super 8 Jahre
  • Blueback – Eine tiefe Freundschaft
  • The Most Beautiful Boy in the World

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