„Fast & Furious 9“ im Kino: Ungebremst zum reinsten Ärgernis

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Mit „Fast & Furious 9“ startet in dieser Woche ein großer Kassenschlager in den deutschen Kinos. Seine Faszination erschließt sich jedoch kaum, der neue Teil der Actionreihe ist vor allem ein vulgärer Flickenteppich.

„Fast & Furious 9“ ist nicht einfach nur ein misslungener Film. Man weiß natürlich, worauf man sich mental einstellen muss, vor allem bei einem neunten Teil. Da ist im Vorfeld bekannt, dass man kein ausgefeiltes Drehbuch erwarten darf. Man ist vertraut damit, was man für das Ticket-Geld bekommt. Zumindest sind das Argumente, die man gerne von Anhängern der Reihe immer wieder zu lesen und zu hören bekommt. Ein müder Trost. Nein, „Fast & Furious 9“ ist ein Ärgernis, eine regelrechte Beleidigung für alle, die vom Kino auch nur ein Fünkchen mehr erwarten als ein Starren im Tunnelblick. Eine Materialschlacht, die wie ein gepanzerter Laster durch die Synapsen brettert, bis zum Schluss jegliches Gefühl, jeglicher produktiver Gedanke aus dem Körper gedrängt wurde.

Es ist erstaunlich, mit welchem Eindruck man das Kino verlässt. „Fast & Furious 9“ dauert geschlagene zweieinhalb Stunden; wenige Minuten danach fällt es bereits schwer, im Geiste zu rekapitulieren, worum es in diesem Film überhaupt gehen sollte. Stattdessen brummt der Schädel stärker als die Motoren der zahllosen Karren, die wahlweise über endlose Pisten rasen, durch die Luft wirbeln, zu Klump gefahren oder in diesem Teil sogar in den Weltraum geschossen werden. Im Zentrum stehen dabei einmal mehr der von Vin Diesel verkörperte Dom und seine Frau Letty, Michelle Rodriguez, die sich in ihr Familienidyll auf dem Land zurückgezogen haben. Hier setzen die Fragmente einer Handlung ein.

Wir gegen den Rest

Im Sommerlicht schrauben Vater und Kind am Fahrzeug, Mutter wartet drinnen, die Knarren stehen insgeheim im Haus parat, um sich notfalls gegen Gefahr verteidigen zu können. Die naht bereits in Gestalt alter Bekannter, weshalb die „Fast & Furious“-Crew wieder zum Gegenschlag ausholen muss. Der Krieg gegen den Terror ist hier weiterhin Privatsache und lastet auf Gruppierungen, alle haben in Alarmbereitschaft zu sein, die „Familie“ zieht wieder los, um Verschwörungen zu vereiteln. Das ist noch mit der finsterste Ankerpunkt, der sich in diesem Wirrwarr an losen Erzählfäden und Rollenbiografien finden lässt. Ohnehin wird er – ein Markenzeichen der Reihe – mit allerhand Familienkitsch zugekleistert, wobei die „Familie“ hier über reine Verwandtschaft hinausreicht.

Sie dient in erster Linie dazu, Gefühle von Geselligkeit zu reaktivieren, sich vor der Welt da draußen zurückzuziehen. Gleiches passiert im Kino, in das Fans der Reihe auch ein neuntes Mal pilgern, dessen Fenster zu dieser Welt durch Milchglas ersetzt wird. Das sind lediglich Instinkte, Reize, die ausgesendet werden. Ein erstaunlich diverser Cast und vermiedene Geschlechterstereotype machen „Fast & Furious 9“ noch lange nicht zu einem progressiven Film. Wer sich da nun aus welchen Beweggründen als Feindbild formiert, das spielt erzählerisch kaum eine Rolle, Ja, es ist sowieso kaum zu überblicken in diesem Wust an Figuren. Da genügt schlichtweg bloße Existenz, das Auftreten als irgendein ominöses Böses, das den geordneten Alltag im Kleinen durcheinanderbringen könnte. Ähnliche verquere Vorstellungen waren zuletzt etwa auch in den Sequels zu „Die Croods“ und „A Quiet Place“ zu erleben.

Ein leerer Film

Man könnte sich nun einmal mehr über diese eigenartigen ideologischen Einsprengsel echauffieren, aber wozu? Es erscheint als schier aussichtsloses Unterfangen. Da gibt es ja schon gar nichts mehr, womit man sich auch nur auseinandersetzen könnte, weil jeder Anklang von Verdichtung und Konzentration, überhaupt von Erzählung und Vision im nächsten Moment schon wieder zerstreut wird, um eine weitere belanglose und rätselhafte Sequenz zu eröffnen. „Fast & Furious 9“ möchte man nicht einmal als kohärenten Film bezeichnen, es handelt sich lediglich um Beschallung.

Einzelne Dialogfetzen werden pathetisch in die Ferne gesprochen, als befände man sich in einer antiken Tragödie. Figuren aus der Vergangenheit tauchen wieder auf, sind doch nicht tot, andere verschwinden wieder, manche gehen Verbindungen ein, andere haben Feindschaften auszutragen – das ist nur noch eine Seifenoper-Logik, der „Fast & Furious 9“ folgt und die gähnende Leere mit verzweigten Familienkonstellationen übertüncht. Kleineren, tröstenden Highlights wie etwa dem Auftreten einer Helen Mirren fehlt es an Raum.

Netflix im Kino

Man kann das schwer als Scheitern begreifen, denn dieser Film verfolgt damit offensichtlich ein Prinzip. „Fast & Furious 9“ ist nicht einfach nur Unterhaltungskino, das ein wenig mit oberflächlichem Spektakel beeindrucken will. Es handelt sich um ein Werk, das jegliches Denken während der Rezeption nicht nur ignoriert, sondern aktiv bekämpft. Da gibt es keinen roten Faden, da gibt es nichts zu erzählen und zu verhandeln, keine Perspektiven zu entwickeln, keine Stellung zu beziehen. Wichtig ist nur, einfach immer weiterzumachen, niemals zu bremsen, um im Jargon des Films zu bleiben. Selbst Anfang und Ende sind quasi nicht existent.

„Fast & Furious 9“ könnte auch die Episode einer ewig langen Netflix-Serie sein, die nur noch mit Selbstreferenzen und Wiedererkennungszeichen spielt. Gefeiert werden die Rückkehr bestimmter Figuren, vertraute inszenatorische Codes, kleinere Anspielungen auf Ereignisse voriger Teile. Wie ein Familienalbum, das man durchblättern soll, nur um irgendwie Lebenszeit totzuschlagen. Man kann eine mögliche Rückkehr in die Kinos nach dem langen Lockdown kaum ernüchternder zelebrieren. Das sind lediglich Streaming-Sehgewohnheiten, projiziert auf die große Leinwand.

Action ohne jede Ästhetik

Es ist ja nicht einmal so, als würden die äußeren Reize irgendeinen Eindruck hinterlassen. „Fast & Furious 9“ ist auch auf einer rein technischen Ebene kein gelungener Actionfilm. Justin Lins Film hangelt sich durch etwa vier große Actionsequenzen, von denen drei quasi identisch aussehen und ablaufen, mit behäbigen Prügeleien und den immer gleichen Aufnahmen von Autoschrott, Spielereien mit Super-Magneten und verwüsteten Straßenzügen. Da sind überhaupt keine interessanten Bilder, keine mitreißenden Choreographien, keine Schauwerte. Das ist bloße, vulgäre Zerstörungswut, der man beiwohnt. Bei deren Verfolgungsjagden man mitunter kaum noch eine Ahnung hat, wer da gerade warum vor wem entkommen will. Da ist überhaupt kein Gespür für Kinetik, für Räume und Material. Von einem Genre-Kollegen wie „Mad Max: Fury Road“ ist diese Fahrzeug-Hatz allein inszenatorisch Lichtjahre entfernt.

Stattdessen wirkt alles in „Fast & Furious 9“ wie ein lustloses Pflichtprogramm. Man traut sich schließlich nicht einmal, den eigenen Wahnwitz rund um fliegende Autos und Weltraumreisen vollends auszuspielen. Sie sind lediglich kleine Puzzle-Teile, auf einen riesigen, undurchdringbaren Haufen geworfen. Es ist ein Gefühl von Zynismus, das von diesem Film bleibt; das schmerzt am meisten. Nicht das völlig konfuse Drehbuch, nicht die unästhetischen Actionszenen. Nein, ärgerlich ist der berechnende Eindruck, den „Fast & Furious 9“ vermittelt, man könne den Fans alles vorsetzen, irgendjemand wird es konsumieren. Scheint so, als würde dieses Prinzip tatsächlich erneut aufgehen. Der Kult, der noch immer um die Reihe existiert, erscheint immer mehr als großes Rätsel. Es gibt nun, weiß Gott, interessanteres Unterhaltungskino, an Auswahl mangelt es derzeit nicht.

„Fast & Furious 9“ läuft ab dem 15. Juli 2021 in den deutschen Kinos. Die Teile 1-8 von „Fast & Furious“ kann man derzeit bei Sky streamen sowie demnächst auf einem eigenen Pop-Up-Channel sehen. Weitere Infos dazu gibt es hier.

Bildquelle:

  • vindiesel: Universal Studios

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