Jetzt im Kino: #metoo-Ritter, Demenzdrama und Tanzen statt Knast

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Fotos: The Walt Disney Company Germany, 2021 Weltkino, Studiocanal
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In den deutschen Kinos laufen ab dieser Woche unter anderem das berührende Demenzdrama „Supernova“, der deutsche Tanzfilm „Fly“ und Ridley Scotts Ritter-Epos „The Last Duel“.

The Last Duel

Ein Historienfilm für das #metoo-Zeitalter. Star-besetzt mit Matt Damon, Jodie Comer und Adam Driver. „The Last Duel“ ist dabei offensichtlich Ridley Scotts später Nachklapp zu Akira Kurosawas „Rashomon“ von 1950, der in Deutschland unter dem unsäglichen Titel „Das Lustwäldchen“ erschien. Scott erzählt von der Vergewaltigung einer Edeldame im 14. Jahrhundert aus drei verschiedenen Perspektiven, die unterschiedliches Licht auf das Ereignis werfen. Wo der eine dem Lustrausch verfällt, erlebt die andere eine körperliche und seelische Tortur. Wo der eine um seine ritterliche Ehre kämpft, leidet die andere unter dem hohlen und zerstörerischen Sittengesetz, das die Frau lediglich als Besitztum begreift.

Bei Scott ist das alles zu offensichtlich, mit zu wenigen Grautönen und Verschiebungen erzählt. Vorbild und freie Adaption liegen meilenweit voneinander entfernt. Die Straftat ist in Gänze ausgebreitet. Zu wenig unterscheiden sich die drei Blickwinkel in zentralen Punkten, um irgendwie spannend zu bleiben. Stattdessen hält man sich auf mit kleinen belanglosen Details. Was eigentlich einen Begriff der objektiven Wahrheit unterwandern will, macht im Film doch eine genau solche explizit aus.

Der Rest ist, zugegeben, recht opulent anzusehendes Ausstattungskino. Mit Schmutz, Blut, Massenszenen, teuren Kostümen und Kulissen hat Ridley Scott noch nie gegeizt. Wenn es zum titelgebenden „letzten Duell“ Frankreichs, einem Gottesurteil durch Zweikampf, kommt, dann ist das mit konsequenter Härte und Zerstörungswut auf die Leinwand gebracht, aber echte Bilder gibt es hier nicht zu sehen. Dafür bewegt sich „The Last Duel“ durch zu viele abgegriffene Historienfilm-Klischees.

Eine ausführliche Kritik zu „The Last Duel“, der bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere feierte, gibt es hier.

Supernova

Wo eine Karriere, ein Liebesleben und eine ganze Biographie ins Chaos stürzen und Überforderung den gewohnten Alltag überschafftet, steht in Harry Macqueens Film plötzlich alles ganz still. „Supernova“ reduziert sich in seinen anderthalb Stunden auf einen kurzen Ausschnitt, ein Schlaglicht. Auf eine kurze Zeitspanne, in der vermeintlich noch alles möglich scheint und zugleich bereits vor dem Abgrund steht. Colin Firth und Stanley Tucci brillieren als Ehepaar in der Krise. Tuccis Figur leidet an Demenz, schon bald wird sie auf fremde Hilfe angewiesen sein. Wie also weitermachen?

Allerhand vertraute Narrative, die Harry Macqueen da in seinem Drama zur Sprache bringt. Man verzeiht ihm dieses Zurückgreifen auf Altbekanntes allerdings gerne, wenn das Resultat so eindringlich gelingt. Man ist schnell dabei, diesen Film zu unterschätzen. Hinterher wundert man sich dennoch, wie galant es Harry Macqueen gelungen ist, die Schlinge immer enger zu ziehen. „Supernova“ ist ein ungeheuer anrührender, aber kein rührseliger Film. Er verweigert sich der Schreckensbilder einer Krankheit, aber zugleich auch einer Katharsis oder Erlösung.

Überhaupt ist das eigentlich gar kein Film über Demenz, sondern vielmehr einer über das Vergehen einer Beziehung, dem die Betroffenen kaum etwas entgegensetzen können. Und vor allem einer über die Brüchigkeit bürgerlicher Existenz, die auf einmal die Fragen nach Sinn, Wert und Existenz neu stellen muss. Ihm geht es um das Archetypische dieser Ausnahmesituation. Macqueen bannt es als dramatisch gedehnten Moment, als eine nachvollziehbare Angst vor der offenbar schrecklichsten Katastrophe: inmitten von höchster Bildung, Kultur und Karriere Kontrolle und Würde zu verlieren.

Eine ausführliche Kritik zu „Supernova“ gibt es hier.

Fly

Die deutsche Filmbranche will noch einmal an Erfolgsreihen wie „Step Up“, „Street Dance“ und Co. anknüpfen. „Fly“ von der früheren „Ostwind“-Regisseurin Katja von Garnier begibt sich dafür ins Gefängnis. Dort will Trainerin Ava (Jasmin Tabatabai) mit den jungen Insassen einen Tanzkurs als Resozialisierungsprogramm veranstalten. So unternimmt „Fly“ einen recht interessanten Perspektivwechsel: Die Ausgestoßenen der Gesellschaft ertanzen sich Würde und Platz zurück.

Vor allem ist das ein Tanzfilm, der sein Genre konsequent und gekonnt bedient, indem er tatsächlich über das Tanzen erzählt und seine Bewegungseinlagen nicht nur als unterbrechende Revue-Nummern missbraucht. Katja von Garnier findet dafür einige mitreißende visuelle Kniffe. In der eindrucksvollsten Szene verschmelzen Körper und Verwaltungsapparat im Takt der Bürogeräusche. Tanz und System im Kampf miteinander. Das sind Momente, die das Freie, Enthemmte suchen. Bis zum wörtlichen Abheben. Getanzt wird auch an der Decke, inklusive kopfstehender Kamera. Oder in einer Gefängniszelle, die sich plötzlich in träumerischen Visionen mit Wasser füllt.

Schade, dass die jungen Tänzerinnen und Tänzer dabei nicht nur gegen Ressentiments und innere Dämonen, sondern auch gegen den Filmschnitt antanzen müssen. „Fly“ verärgert mit einer unbändigen Lust am Fragmentieren der Körper. Immer wieder werden Eindrücke verengt und zerstückelt, werden einzelne Gesten herausgeschnitten und vergrößert. Während sich der Film offensichtlich an ein Tanz-affines Publikum richtet, traut man diesem kaum zu, all die Bewegungen zu lesen. Stattdessen sind das Tanzszenen, die sich in ihrer Inszenierung mitunter so krampfhaft selbst zu erklären versuchen, dass es nur zur Zerstreuung reicht.

Seit dem 14.10.2021 außerdem im Kino:

  • Es ist nur eine Phase, Hase
  • The Ice Road
  • Die Schule der magischen Tiere
  • Résistance – Widerstand
  • Boss Baby – Schluss mit Kindergarten
  • Auf alles, was uns glücklich macht
  • Zimmer 212
  • Endlich Tacheless
  • Dear Future Children
  • Lobster Soup
  • Sie waren mal Stars
  • Eine einsame Stadt

Bildquelle:

  • supernova: 2021 Weltkino

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