Der Netflix-Film des Jahres: „I’m Thinking of Ending Things“ verdreht das Hirn

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© Mary Cybulski/NETFLIX
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Kultregisseur Charlie Kaufman legt mit „I’m Thinking of Ending Things“ eine unheimliche, künstlerisch höchst interessante Romanverfilmung vor. Seit gestern ist der wahrscheinlich beste Netflix-Film des Jahres zum Streamen verfügbar.

Es ist wie ein Traum. Plötzlich befindet man sich in einem befremdlichen Szenario. Keine Ahnung, wie man überhaupt dort hingelangt ist. Und noch schlimmer: Man weiß einfach nicht, wie man wieder daraus aufwachen kann. So sitzt man plötzlich in einem Auto. Eine namenlose Frau, gespielt von der großartigen Jessie Buckley, ist mit ihrem Freund Jake (Jesse Plemons) auf dem Weg zu ihren neuen Schwiegereltern. Wie lange kennt man sich eigentlich? Warum stehen die Zeichen auf Trennung? Mitten im Schneesturm wird die Stimmung zwischen den beiden immer angespannter. Im Haus der Eltern angekommen, reißt die bedrohliche Stimmung nicht ab. Warum hängt ein Bild der jungen Frau an der Wand der Eheleute? Und warum verhalten sich alle so merkwürdig?

Charlie Kaufmans Literaturverfilmung beweist erneut, dass man immer dann hellhörig werden sollte, wenn die Reaktionen des Netflix-Publikums besonders kontrovers ausfallen. Auf einer Plattform, die ihre Zuschauer regelrecht darauf trainiert, möglichst schnell und viel zu konsumieren, ist ein Film wie „I’m Thinking of Ending Things“ ein Stolperstein im besten Sinne. Dass Charlie Kaufman („Vergiss mein nicht“, „Anomalisa“) gerne dem Surrealen zugewandt ist, dürfte eingefleischten Fans bekannt sein. Mit diesem neuen Werk hat er jedoch einen im positiven Sinne äußerst schwer konsumierbaren Film geschaffen. Einen, der sich um bloßes Erzählkino nicht mehr schert. Und vor allem einen, der seine Vorlage um Längen übertrifft.

Besser als der Roman

Der gefeierte Roman von Iain Reid wurde nach Erscheinen im Netz heiß diskutiert. „Du wirst dich fürchten. Und du wirst nicht wissen, warum“, so der reißerische deutsche Untertitel des Psychothrillers. Am Ende war Reids Roman jedoch nicht viel mehr als überkonstruierte Bahnhofsliteratur, die auf einen konfusen Taschenspielertrick zusteuert, um die Theorieforen im Netz zum Glühen zu bringen. Ein Wunder, was Kaufman daraus für ein Kunstwerk gezaubert hat!

Seine Verfilmung wird dem unheilvollen Furcht-Slogan wahrhaft gerecht. „I’m Thinking of Ending Things“ demonstriert eindrucksvoll, wie schleichender psychologischer Schrecken auch heute noch wirkungsvoll heraufbeschworen werden kann. Indem sich das Kino ganz einfach auf jenes Surreale und Unbewusste zurückbesinnt, dem es entsprungen ist.

© Mary Cybulski/ Netflix

Kaufman zeigt die nächtliche Odyssee des Paares als sinnevernebelnden Trip, der einen Kippmoment nach dem anderen kreiert. Symmetrische, teils umwerfend schöne Aufnahmen werden im Spiel mit der Tiefenschärfe plötzlich ins Schräge entrückt. Im einen Moment spielt Jessie Buckley mit einem Hund im Wohnzimmer. Einen Schnitt später ist der Hund plötzlich verschwunden. Niemand scheint diese Tatsache bemerkt zu haben. Die stille Beiläufigkeit, mit der solche Szenen inszeniert sind, zerrt an den Nerven. Kaufmans Psychothriller ist nicht nur unzuverlässig erzählt, auch auf die Inszenierung kann sich das Publikum hier nicht verlassen. Identitäten, Räumlichkeiten, Zeitebenen überlagern sich. Wer weiß schon, was hier vor sich geht? Der Furcht tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil!

Ein Film über das Kino

Was aber nun anfangen mit all dem Verwirrspiel? Man kann das leicht als bloße Selbstreferenz bezeichnen, die den Zuschauer ziellos an der Nase herumführen will. Doch so einfach funktioniert Kaufmans Film nicht. Die Figuren in „I’m Thinking of Ending Things“ philosophieren ständig über das Wesen der Zeit, über Familie und das Altern. Aufsätze werden zitiert und analysiert, als wolle der Thriller seine eigene Interpretation vorwegnehmen. Genau hier geht das Publikum Kaufman jedoch ins Netz.

Warum Kino? Um sich mit Lügen vollzustopfen, damit die Zeit vergeht, wie im Film gesagt wird? Nein, „I’m Thinking of Ending Things“ legt genau diesen Prozess offen, führt vor, wie manipulierbar wir als Zuschauer in Wirklichkeit sind. Konsequent, dass die Zeit beim Schauen dieses bedächtig dargebotenen Rätsels selbst langsamer zu vergehen scheint.

Des Rätsels Lösung?

Der Ideologe Charlie Kaufman suggeriert uns hier den Unsinn bloßer Hermeneutik, wie das Kino Traumbilder und Albtraumbilder unserer Biographien zeigt und uns zu therapieren versucht. Verstehen kann man Kaufmans Film nicht. Beziehungskrisen, emanzipatorische Bestrebungen, Misstrauen, Familienstreit, all das, was uns das Kino sonst vorführt und als Realität akzeptieren lässt, wird zugleich in ihrer Fiktion und Flüchtigkeit enttarnt.

Das mag hier und da etwas zu offensichtlich und altklug auf seine eigene philosophische Dimension zeigen. Aber entzaubert das wirklich diesen hypnotischen Schrecken? Nur konsequent, dass hier alles auf einen reinen Bewusstseinsstrom zusteuert, auf einen inszenatorischen Wirbel aus Horror- und Musicalfilm, der sich der Eindeutigkeit der Auflösung des Romans glücklicherweise entzieht. Vielmehr eine finale, hinreißend choreographierte Bestätigung, warum es völlig egal ist, was hier nun eigentlich geschehen ist. Wie bemüht wir doch sind, zu glauben, irgendetwas an dieser Beziehungskrise würde für uns eine Rolle spielen! Eine Verkehrung der Traumfabrik Hollywood. Ein finales Besingen der eigenen Utopie, die im Unbewussten versinkt. Vielleicht haben wir uns viel zu oft vom Kino blenden lassen. In jedem Fall ist Netflix nun um ein wahres Meisterwerk reicher. Oscarverdächtig!

„I’m Thinking of Ending Things“ ist seit dem 4. September bei Netflix zum Streamen verfügbar.

Bildquelle:

  • endingthings: Mary Cybulski/ Netflix

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