„Neues aus der Welt“ bei Netflix: Bidens Amerika und der Wilde Westen

Eine Kritik von Janick Nolting

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Seit dieser Woche ist der Golden Globe- und Oscar-Anwärter „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel bei Netflix verfügbar. Der Western ist ein Sinnbild für das gegenwärtige Amerika.

Weltflucht unmöglich. Draußen nur Dunkelheit, es gießt in Strömen. Nord-Texas im Jahr 1870, das ist eigentlich heute. Oder zumindest eine sehr raue Vision davon. Tom Hanks alias Captain Jefferson Kile Kidd richtet sich her, das Outfit muss sitzen. In der Halle wartet bereits sein Publikum. Der Bürgerkriegsveteran zieht von Ort und liest den Bürgern die Nachrichten aus der Welt vor. Show ist wichtig, das weiß auch der Captain und das weiß auch Regisseur Paul Greengrass, der mit „Neues aus der Welt“ ein immersives Amerika-Portrait zeichnet, das seine aktuellen Bezüge und Querverweise zu keiner Minute zu verbergen versucht.

Nachrichten und Eindrücke aus der Ferne, wie sie auch das Kino bietet, das ist doch eigentlich alles immer ganz nah. Verblüffen sollte diese Erkenntnis heute eigentlich nicht mehr. Hübsch aufbereitet ist sie dennoch. Auftritt Tom Hanks. Die erste News des Abends: eine tödliche Pandemie, die die Menschen dahinrafft. Naja, es geht auch subtiler! An anderer Stelle gibt es die ersten Buhrufe aus dem Publikum, als es um die Innenpolitik geht. Auch hier, im 19. Jahrhundert, kurz nach dem Bürgerkrieg, ist das Volk gespalten, gibt es die Ausbeuter, die die, die sich hintergangen fühlen, die, die sich fügen, und jene, die schlichtweg gegen alles pöbeln und wettern, was nicht in das eigene begrenzte Weltbild passt.

Zurück zur Familie

Unterwegs findet Captain Kidd nun ein junges Mädchen, Johanna, gespielt von „Systemsprenger“-Wunderkind Helena Zengel (Golden Globe-Nominierung!). Ihre Eltern hat sie verloren, danach wurde sie vom Stamm der Kiowa großgezogen, deren Kultur das Mädchen nun angenommen hat. Kidd begibt sich mit ihr gemeinsam auf eine beschwerliche Reise. Unterwegs werden jede Menge Streicheleinheiten für die geschundene Nation verteilt, wird den Unterjochten Hoffnung auf eine bessere Zukunft gespendet, werden Gierige und Schänder bestraft. Und wird ganz viel vom gegenseitigen Annähern und Verstehen gezeigt, auch über eine bloße Sprachbarriere, wie sie zwischen Kidd und Johanna besteht, hinaus.

Dass dieser Roadtrip nicht tatsächlich mit einer Vertreterin der indigenen Bevölkerung geschieht, kann man kritisieren. Der Film rettet sich hier in eine universelle Begegnung mit dem Anderen überhaupt, bewegt sich durch ein kulturelles Dazwischen. Das ist denkbar vage und oberflächlich, wer hier eigentlich wann genau repräsentiert werden soll, doch genau dieses Dazwischen ist es, das den Film in das Überzeitliche bringt.

Eine neue Stunde Null

Gespiegelt wird der Zustand eines Landes, aus dem vor einigen Wochen noch Bilder der Kapitol-Erstürmung durch einen wütenden Mob die Nachrichten bestimmten, während die anderen in Präsident Biden die Erlösung der Welt ersehnen. Zwar sind die Romanvorlage von Paulette Jiles und der Film selbst schon einige Zeit vorher entstanden, doch „Neues aus der Welt“ fängt den Eindruck dieser Stimmung treffend ein.

An verheerten Orten und Ruinen, an deren Wänden das Blut eingetrocknet ist, wo der Krieg noch gegenwärtig ist, aber dennoch Aufbruchstimmung in der Luft liegt. In den Naturgewalten, durch deren Schleier die vertriebenen und ermordeten indigenen Völker wie Geistererscheinungen auftauchen und entfernt vorbeiziehen. In solchen tragischen Höhepunkten gelingt es Greengrass, Erinnerungen etwa an die Romane Cormac McCarthys zu wecken, einem der größten modernen Erähler von Neo-Western.

Generell ist „Neues aus der Welt“ zweifellos ein Film, der das Große der Leinwand sucht, für die er produziert wurde, auch wenn Greengrass‘ gemächliche Erzählweise selten an die Intensität heranreicht, die er etwa in seinem „Captain Phillips“ einst erzeugen konnte. Das ist alles etwas sauber, alles etwas harmlos, aber dennoch im Geiste der großen Western-Epen, die ein Auge für die Ästhetik und die Stimmung ihres Settings beweisen. Die in den ewigen Landschaften darüber schwelgen, was möglich sein könnte.

Vielleicht macht sich auch schlichtweg der Kinoentzug bemerkbar! Wo von all den Filmpreis-Anwärtern zuletzt etwa die belanglosen Netflix- und Amazon-Kammerspiele „Malcom & Marie“ und „One Night in Miami“ ihr Publikum mit allzu spröder Inszenierung quälten, weint man ja schon Freudentränen, wenn sich in „Neues aus der Welt“ die Kamera einmal von der Stelle bewegen darf.

Gemächlicher Roadtrip

Es ist eine Spazierfahrt auf der klappernden Pferdekutsche, da muss man sich nichts vormachen. Sonderlich brenzlig oder fordernd wird „Neues aus der Welt“ nie. Dafür fehlt es dem Film an Grautönen, die ein solcher revisionistischer Western eigentlich benötigt. Mit Scott Coopers sperrigem und unerbittlichen Meisterwerk „Hostiles“ von 2017 etwa, dem „Neues aus der Welt“ in vielen Punkten ähnelt, kann er sich nicht ganz messen.

Zwischen all den Friedens- und Verständnis-Plädoyers ist bei Greengrass dann (bis auf wenige Ausnahmen) doch recht eindeutig umrissen, wer hier die Kugel beziehungsweise die zweckentfremdeten Geldmünzen per Flinte verdient. Die darf dann auch der liberale und pazifistische Tom Hanks, der Heilige Hollywoods, reinen Gewissens benutzen. Nur zur Verteidigung natürlich!

Hanks verkörpert den geläuterten Vorzeige-Amerikaner, eine Einigungsfigur, deren Botschaft aus der Aufbruchstimmung des Wilden Westens in die erstarrte Gegenwart spiegelt. Der seine Kriegstaten von früher nun in etwas Zivilisationsstiftendes überführt. Selbstverständlich braucht auch er mit dem Tod der Ehefrau eine gewisse nahbare Charaktertragik. Eine, die die Medien der Welt auch einem Joe Biden just andichteten, war doch direkt nach seiner Wahl immerzu die Rede von seiner Milde, die er auch durch persönliche Verluste innerhalb der Familie erlangt haben soll. Programme und Ziele reichen nicht aus, das Bild muss für die Gesellschaft abgerundet werden! Die Menschen brauchen auch abseits der Leinwand ihre Hollywood-Helden.

Eine gute Geschichte…

„Neues aus der Welt“ gibt nicht vor, ein Krisen-Allheilmittel auf Lager zu haben. Vielmehr ist es eine gemeinsame Basis, die hier, wie auch in der Realität, geschaffen werden soll. Die aber natürlich erst am Beginn steht und die in diesem Westernszenario dem Anderen zunächst einmal seine Identität lässt und ihn nicht nur anhand von Arbeitskraft und Anpassung beurteilt. Ein lobenswertes Statement und doch eines, das zugleich unweigerlich zum Symbol, zur Geschichte selbst wird.

Die kleine Johanna ist letztlich in ihrer Identität und Erscheinung ebenfalls Spielfigur, ein Teil der Inszenierung und der Geschichten, mit denen Tom Hanks‘ Zeitungsvorleser den Menschen die Welt eröffnet. Trotz simpler Einteilungen, die der Film vornimmt, ist doch genau das sein eigentlicher Kern, der sich auf die aufbrechende Kraft von Zuhören, Vorzeigen, Repräsentation und Erzählen, vom Erzählen von Geschichten beruft. Auch eine reale Person wie Joe Biden braucht solche Geschichten.

„Neues aus der Welt“ ist seit dem 10. Februar 2021 bei Netflix zum Streamen verfügbar.

Bildquelle:

  • tomhanks: Universal Pictures/ Netflix
  • newsoftheworld: Bruce W. Talamon/ Universal Pictures/ Netflix

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