Breitbandgipfel: Wer zahlt für ruckelfreie HD-Videostreams?

03.05.2011, 12:52 Uhr, ar

Kabel, Glasfaser und LTE - wer regiert die neue Breitbandwelt? Diese Frage stellten sich die Teilnehmer des Breitbandgipfels am Dienstagvormittag auf der Anga Cable in Köln im Rahmen einer durchaus kontroversen Diskussionsrunde.


Dabei warf Lutz Schüler, CEO von Unitymedia, zunächst die Überlegung in den Raum, ob der Kunde heute überhaupt schon bereit sei für schwindelerregende Bandbreiten von 100 MBit/s und mehr. Tatsächlich habe eine interne Erhebung des Kabelnetzbetreibers zu dem Ergebnis geführt, dass 90 Prozent der Internet-Nutzer nicht bereit wären, für höhere Geschwindigkeiten eine höhere monatliche Grundgebühr zu entrichten.
 
Gerd Eickers, Präsident des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), schlug in eine ganz ähnliche Bresche. Entscheidend sei nicht, E-Mails oder Webseiten wenige Sekundenbruchteile schneller abrufen zu können. Es gehe vielmehr darum, dem Kunden ein qualitativ hochwertiges Online-Erlebnis zuzusichern. Wer abends Video-on-Demand-Dienste nutze oder Freunden einen HD-Videoclip bei Youtube zeige, wolle nicht durch Bildruckler frustriert werden.
 
Kurze Latenzzeiten, ständige Verfügbarkeiten und geringe Bit-Fehlerraten könnten viele Kunden dazu motivieren, einen monatlichen Aufpreis für "Quality of Service"-Versprechen zu zahlen, zeigte sich Eickers überzeugt und leitete damit zu der Frage über, wer diese Servicequalität finanzieren soll. Hier sei durchaus vorstellbar, führende Anbieter wie Google oder Apple, die hohen Traffic verursachten, in die Pflicht zu nehmen, um sie finanziell am Netzausbau zu beteiligen, sagte Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur.
 
Schwierig sei allerdings, dieses "Internet mit zwei Geschwindigkeiten" über Ländergrenzen hinweg zu realisieren, betonte Kurth. Derzeit sehe seine Behörde aber noch keine Notwendigkeit, im Bereich Netzneutralität einzuschreiten. Hier sei ihm zu viel "Was-wäre-wenn"-Szenario im Spiel. Natürlich müsse man aktiv werden, wenn Große mit Großen küngelten und beispielsweise Kabel Deutschland seinen Kunden exklusiv ruckellose HD-Videostreams bei Youtube verspreche. Aber, so der Netzagentur-Vertreter pragmatisch: "Dazu müsste man uns erstmal einen fertigen Vertrag vorlegen, den es zu prüfen gilt".


Konsens herrschte in der Runde, dass die Killer-Applikation schlechthin, die den Kunden dazu motiviere, zwingend einen High-Speed-Internet-Zugang zu nutzen, noch nicht gefunden sei. Schüler hängte das am klassischen Henne-Ei-Problem auf: Sei es für den Kabelnetzbetreiber nun sinnvolller, dreistellige Millionenbeträge in schnelle Netze zu investieren, um die Entwicklung solcher Killer-Anwendungen zu forcieren, oder sollte er warten, bis ein solcher Dienst existiert, um dann - möglicherweise zu spät - einen Jahre in Anspruch nehmenden Netzausbau anzustoßen?
 
Adrian von Hammerstein, Vorstandsvorsitzender bei Kabel Deutschland, warf ein, auch er sehe Qualität als wichtiges Merkmal für Internetdienste. Grundsätzlich sei es schon heute denkbar, dem Kunden einen höherpreisigen Tarif zu schnüren, der dann auch eine Priorisierung beim Abruf von datenhungrigen Diensten erlaube. Aktuell sei so etwas bei Kabel Deutschland aber nicht in Planung.
 
Der Ausbau der Breitbandversorgung in ländlichen Gebieten führte zu einem einhelligen Fazit: Das finanzielle Engagement sei mit einem hohen Risiko behaftet, weil eher kleinen Kundenzahlen hohe wirtschaftliche Aufwendungen entgegenstünden. Gleichwohl werde auf Basis der LTE-Funktechnologie damit begonnen, "weiße Flecken" auf der DSL-Landkarte zu schließen. Die Technik werden aufgrund der Regulierung auf Bundeslandebene vor allem in Stadtstaaten wie Berlin oder Hamburg vorangetrieben, weil die Bundesnetzagentur vorgebe, zunächst auf dem Land aktiv zu werden.
 
Kurth sagte, diese Vorgaben seien durchaus bewusst gesetzt, weil sonst nur in Metropolen LTE angeboten werde. Er räumte allerdings ein, dass die Frage, wie die noch nicht abgedeckten 20 bis 30 Prozent erschlossen würden, durchaus eine Herausforderung biete. Gemeinden und Kommunen würden allerdings Förderkredite angeboten, um gemeinsam mit den Telekommunikationsanbietern die Lücken zu schließen. Aufgrund der wachsenden Anforderung nach schnellem Internet werde sich hier etwas bewegen.
 
Axel Sihn, Geschäftsführer von Wisi, blieb das Schlussfazit vorbehalten, bei dem er die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen versuchte: "Grundsätzlich geht es uns doch allen darum, mit einem refinanzierbaren wirtschaftlichen Aufwand möglichst schnelles Internet zu möglichst vielen Menschen zu bringen". Eine Aussage, mit der sich alle Anwesenden anfreunden konnten.

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